Wenn ein Pferd nicht zunimmt, liegt es fast nie an der Futtermenge, sondern an der Verwertung — die häufigsten Ursachen sind Zähne, Magen, Darm und zu lange Fresspausen.
Wenn ein Pferd nicht zunimmt, ist das für viele Besitzer eine der zermürbendsten Situationen überhaupt: Die Rippen zeichnen sich ab, der Kruppenknochen tritt hervor, und dabei steht doch jeden Tag genug im Trog. In über 20 Jahren Beratung habe ich gelernt, dass in solchen Fällen fast nie die Futtermenge das Problem ist. Viel häufiger kommt an, was gefüttert wird — es wird nur nicht verwertet. In diesem Ratgeber gehe ich die sechs Ursachen durch, die ich in der Praxis am häufigsten finde, und zeige Ihnen, an welcher Stelle sich das Blatt meist wendet.
Erst prüfen, dann füttern
Der verständlichste Reflex ist, die Ration zu erhöhen. Noch ein Eimer Müsli, noch ein Sack Mash, vielleicht ein Aufbaupräparat. Ich verstehe das gut — man will etwas tun. Nur führt genau dieser Weg oft in die falsche Richtung: Ein Pferd, das nicht zunimmt, hat in aller Regel kein Mengenproblem, sondern ein Verwertungsproblem. Wer dann mehr Kraftfutter auflädt, belastet Magen und Dickdarm zusätzlich — und wundert sich, dass zum Untergewicht noch Kotwasser oder Unruhe dazukommt.
Mein erster Satz in der Beratung lautet deshalb fast immer: Lassen Sie uns nicht fragen, was wir dazugeben, sondern warum das Vorhandene nicht ankommt.
Pferd nimmt nicht zu: 6 Ursachen aus der Praxis
1. Die Zähne. Das ist mit Abstand der häufigste Befund, und der am leichtesten zu übersehende. Scharfe Kanten, Haken oder ein lockerer Zahn führen dazu, dass das Pferd das Heu nicht mehr richtig zermahlt. Es frisst dann langsamer, sortiert aus oder wickelt regelrechte Heuröllchen und spuckt sie wieder aus. Unzerkleinerte Fasern kann der Darm aber nicht aufschließen — die Energie wandert unverwertet auf den Misthaufen. Wenn die letzte Zahnkontrolle länger als ein Jahr her ist, fängt jede weitere Überlegung genau dort an.
2. Der Magen. Magengeschwüre sind bei Pferden deutlich verbreiteter, als man denkt, und sie kosten Appetit. Betroffene Pferde fressen zögerlich, legen Pausen ein, lassen das Kraftfutter stehen und nehmen dabei still über Wochen ab. Wer hier nur die Ration erhöht, verschärft das Problem. Woran Sie den Magen erkennen und wie die Fütterung ihn stützt, habe ich im Ratgeber Magengeschwüre beim Pferd ausführlich beschrieben.
3. Ein Dickdarm, der nicht mitarbeitet. Der Pferdedarm gewinnt den Großteil der Energie aus der Faserverdauung — und das erledigen nicht die Enzyme, sondern Milliarden von Mikroorganismen. Ist diese Darmflora aus dem Tritt, etwa nach einer Wurmkur, einer Antibiotikagabe oder einer zu schnellen Futterumstellung, sinkt die Verwertung spürbar. Typische Begleiterscheinung ist Kotwasser, mehr dazu unter Verdauung beim Pferd.
4. Zu wenig Raufutter — oder zu schlechtes. Ein Pferd deckt seinen Grundbedarf aus Heu, nicht aus dem Eimer. Als Richtwert rechne ich mit gut anderthalb Kilogramm Heu je hundert Kilogramm Pferd, also rund neun Kilo beim Warmblut. Häufiger als zu wenig Menge finde ich allerdings zu späte Ernte: sehr spät geschnittenes, stängeliges Heu ist zwar sättigend, liefert aber wenig verwertbare Energie. Das Pferd hat dann den Bauch voll und nimmt trotzdem ab.
5. Lange Fresspausen. Der Pferdemagen produziert rund um die Uhr Säure, ganz gleich, ob etwas darin ist. Wer zweimal am Tag eine große Ration gibt und dazwischen acht Stunden Pause lässt, riskiert genau die Magenprobleme aus Punkt 2 — und verschenkt Verwertung. Drei bis vier kleinere Mahlzeiten oder ein engmaschiges Heunetz bringen oft mehr als jedes Zusatzfutter.
6. Der Stoffwechsel und das Alter. Ältere Pferde verwerten Eiweiß schlechter, und Erkrankungen wie Cushing verändern den Stoffwechsel grundlegend. Auch Rangordnung spielt hinein: Das rangniedere Pferd in der Herde kommt an der Raufe schlicht nicht zum Zug — ein Punkt, den man nur sieht, wenn man einmal eine Stunde am Paddock steht und zuschaut.
Was ich an der Fütterung ändere
Steht die tierärztliche Seite, gehe ich in dieser Reihenfolge vor:
- Raufutter zuerst. Qualität vor Menge, und über möglichst viele Stunden verteilt. Das ist die Basis, alles andere ist Feinjustierung.
- Energie aus Fett statt aus Stärke. Hochwertige Öle liefern viel Energie, ohne den Dickdarm zu überfrachten. Das ist der ruhigste Weg, Kondition aufzubauen, gerade bei Pferden, die von Getreide nervös werden.
- Den Darm stabilisieren, bevor ich auffüttere. Solange die Verwertung nicht steht, verpufft jede zusätzliche Kalorie. Das ist der Punkt, an dem ich mit den Naturprodukten von REiCO arbeite, mit denen ich seit 2006 gute Erfahrungen mache.
- Die Grundversorgung prüfen. Fehlen Spurenelemente oder Aminosäuren, kann der Körper das Angebotene nicht in Muskulatur umsetzen. Worauf es dabei ankommt, steht im Ratgeber Mineralfutter fürs Pferd.
- Zeit geben. Aufbau braucht Wochen bis Monate. Wer schneller will, landet bei Kolik oder Hufrehe — und hat am Ende weniger gewonnen.
Wann das Pferd zum Tierarzt gehört
Hier bin ich ausdrücklich streng, denn Untergewicht ist ein Symptom, keine Diagnose. Bitte lassen Sie zuerst abklären, wenn Ihr Pferd:
- über Wochen abnimmt, obwohl es normal frisst
- plötzlich und deutlich abbaut
- schlecht kaut, Heu ausspuckt oder aus dem Maul riecht
- Fieber hat, hustet oder struppig im Fell steht
- deutlich mehr trinkt und uriniert als sonst
Zahnbefund, Kotprobe, Blutbild und der Cushing-Test gehören in tierärztliche Hände. Meine Arbeit setzt danach an — und sie wirkt dann auch deutlich besser.
Häufige Fragen
Wie schnell nimmt ein Pferd wieder zu? Realistisch sind ein bis drei Monate, bis man einen Unterschied wirklich sieht. Alles, was schneller versprochen wird, sollte Sie misstrauisch machen.
Hilft mehr Kraftfutter? Selten, und oft macht es die Sache schlimmer. Große Stärkemengen überfordern den Dünndarm; was durchrutscht, bringt die Dickdarmflora durcheinander.
Mein Pferd ist alt und dünn — ist das normal? Dünn ist im Alter nicht automatisch normal. Meist steckt der Zahnstatus oder Cushing dahinter, und beides lässt sich angehen.
Ein ruhiger erster Schritt
Wenn Ihr Pferd nicht zunimmt, hilft kein weiterer Sack aus dem Futterhaus, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme: Zähne, Raufutter, Fresszeiten, Darm — in dieser Reihenfolge. In den allermeisten Fällen findet sich der Hebel in den ersten drei Punkten.
Sie sind unsicher, woran es bei Ihrem Pferd liegt? Melden Sie sich zur kostenlosen Futterberatung — wir gehen die Ration in Ruhe gemeinsam durch, ganz ohne Verpflichtung. Schreiben Sie mir einfach, ich nehme mir die Zeit für Ihr Pferd.
Quellen
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